Die Eels riefen und alle kamen. In der wohl ausverkauften TonHalle spielten die Eels gestern vor Publikum. Der Begriff “Konzert” geht mir schwer über die Lippen, da vieles von dem, was ein Konzert ausmacht, gestern einfach nicht stattfand. Doch der Reihe nach.

Wer die TonHalle gestern betrat, wurde von streicherlastiger Easy Listening-Musik begrüsst. Im Stile von Mike Flowers Pops, wenn auch ohne Gesang, wurden Klassiker der älteren und neueren Popgeschichte unter Tonnen von Zuckerguss begraben. Die Freude über den Beginn des Vorprogramms währte nur kurz, denn entgegen der Ankündigung auf der Eintrittskarte trat ein Bauchredner auf. Das Publikum war nicht wirklich bereit, die Qualitäten dieser One-Man-Show zu goutieren, und das Los des älteren Herrn war einzig, dass die Menge sich freute, als er die Bühne verliess. Die nun auftretende Alice Gold kam als blonder miniberockter Rauschgoldengel daher, die Soloperformance mit E-Gitarre erfreute jedoch auch nur Teile des Publikums. Eine weitere Pause folgte. Die Ungeduld der Leute hatte erst ein Ende, als die Halle sich verdunktelte und ein orchestrales Disney Stück erklang. Als dann gegen 21:45 endlich E auftrat, konnte man ein Deja Vu erleben: Ein Mann, eine Gitarre.

Das Konzert selbst kann als eine klug gewählte Abfolge hochspannender Stücke zusammengefasst werden. Nach zwei Solonummern kam ein weiterer Musiker hinzu, der, wie noch einige weitere Male, an einem Moodswinger spielte, eine Art elektrischen Zither. Erst ab dem vierten Song war die Band komplett, neben E dann 2 Gitarristen, ein Bassist und ein Schlagzeuger. Bis auf 2 “Thanks” und ein “Dankeschön, mein Schatzi” fand bis zum Schlussviertel keine Kommunikation mit dem Publikum statt. Neben eine Mischung aus älteren Songs und Stücken aus “End Times” wurden auch Coverversionen gespielt, anfangs “Summer in the City”, später dann mein persönlicher Favorit, eine Melange aus “Twist and Shout” von den Beatles und dem Eels-eigenen “Beautiful Day”. Sehr exotisch kam “Summer Time” von Gershwin daher. Nicht nur, dass E hier Eis am Stiels ins Publikum warf, die Performance war auch insofern denkwürdig, als er gesanglich weicher auftrat und durch Triller-Figuren, wie man sie aus dem Mambo kennt, einen sehr speziellen Stil einbrachte. Bei aller Rafinesse empfand ich den Song deplaziert. Erst gegen Ende richtete E das Wort ans Publikum und stellte die Band in sehr ironischer Form vor. Das aktuelle Line up, wie es Wikipedia aufführt, scheint wohl auch auf der Bühne gewesen zu sein, wobei ich mir beim besten Willen den Namen des zweiten Gitarristen nicht merken konnte. 4 Zugaben führten das Konzert zum Schluss.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Eels nicht nur hervorragende Musiker sind, die ihr Handwerk beherrschen. Der Sound in der TonHalle war druckvoll und dynamisch, zuweilen leicht übersteuert, wobei das auch beabsichtigt gewesen sein kann. Das Zusammenspiel war von hoher Präzision, und so spartanisch das Bühnenbild und die Beleuchtung daherkam, die Wirkung war enorm. Es fasziniert, mit welch einfachen Mittel eine Performance beim Publikum ankommen kann. Das Konzert von U2 am 15.9. wird in dieser Hinsicht den Gegenentwurf darstellen.

Die Eels präsentieren sich als eine exzentrische Band. In generell jedem Track fand ein Instrumentenwechsel statt, in der ersten Hälfte bekam E in jedem Song eine neue Gitarre, später dann “The Chet”. Alle Musiker trugen Vollbart und Sonnenbrille, alle bis auf E auch Krawatte, teilweise auch Anzug. “Knuckles”, der Schlagzeuger, spielte teilweise Schlagzeug wie das “Tier” aus der Muppets-Show. Der Auftritt erschien insgesamt dadurch sehr kalkuliert und geplant. Die gespielten Songs waren in vielen Fällen vom Sound der Studio-CD sehr ähnlich, dennoch gab es Raum für live-typische Abweichungen bis hin zu einem minutenlangen Gitarrenton, der bis ins Unendliche durchmoduliert wurde.

Mit @emillota und @charlymuc diskutierte ich noch die Auswahl der Musik vor dem Konzert und der Künstler des Vorprogramms. Wir kamen soweit überein, dass gefälligere Vormusik, beispielsweise Adam Green, denkbar gewesen wäre, oder eben gar keine Musik. Der Bauchredner und Alice Gold warfen da schon andere Fragen auf. Angesichts teilweise fantastischer Vorbands bei anderen Künstlern kann man sich fragen, ob da manche einfach fürchten, von der Vorband den Schneid abgekauft zu bekommen. Der Bauchredner war als Kontrast zum Rest schon fast surreal zu nennen. Ich tendiere dazu, die Wahl des Beiprogramms als Teil der Exzentrizität zu werten und glaube, dass die Eels in so einem Konzert die Möglichkeit wahrnehmen, die Rezeption ihres Konzerts nach ihren eigenen Regeln zu gestalten, und dazu gehört, das Publikum anfangs zu “quälen”, um dann umso leuchtender dazustehen. Ich mag hier aber niedrigere Beweggründe annehmen als vorhanden waren.

Die Coverversion von “Summertime” warf bei mir die Frage auf, ob dies ein Zeugnis der Fähigkeiten der Band abgeben sollte, ihrer Kenntnis von Musik und ihrer Bandbreite. Gerade wenn Popmusiker solche Standards spielen, frage ich mich, ob damit aufgezeigt werden soll, dass auch “qualitativ hochwertige” Musik “angesehener” Komponisten beherrscht wird. Als ob hier so ein kleiner Minderwertigkeitskomplex der zeitgenössischen Popmusiker durchscheint, der spezifisch in diesem Fall völlig unbegründet ist.